07.03.18

Archivar bearbeitet Dokumente aus 154 Jahren Diakonissenhaus

MUTTERHAUS – Überall im zweiten Stockwerk des Mutterhauses in der Goethestraße liegen Berge an Akten, Papierstapel, Notizbüchlein, gebundene Jahresberichte und leere Aktenordner. Mittendrin wirbelt Archivar Dr. Harald Jenner umher. Seit fünf Tagen beschäftigt er sich mit den unsortierten Papieren aus den 154 Jahren Diakonissenhaus und fördert teilweise interessante Dinge zutage.

„Mit sechs Personen haben wir zunächst den Dachboden leergeräumt. Das war sehr aufwändig, weil alles durcheinander lag: Pläne, Akten oder Fotos. Weitere Akten fanden wir in einem Archivraum“, berichtet Jenner. Als freiberuflicher Archivar betreute er schon einige Diakonissenhäuser und diakonische Einrichtungen. Dies geschehe in drei Schritten: Sammeln, Verzeichnis erstellen, umpacken. Jenner weiter: „Wir archivieren alles, was aus den Jahren vor 1945 stammt, was mit der Geschichte und Kultur des Mutterhauses zu tun hat oder wichtige Dokumente für die Regionalgeschichte sind.“ Gerade in Kassel habe es Zeiten gegeben, in denen das Stadtbild von den Diakonissen geprägt war. Das Mutterhaus und die Oberin hatten im gesellschaftlichen Leben eine beachtenswerte Rolle und waren ein wichtiger Faktor im gesellschaftlichen Leben der Stadt Kassel. So gebe es laut Jenner auch für jede Gemeindestation in Hessen, wo eine Diakonisse als Gemeindeschwester tätig war, eine Akte. Die Schwestern haben über ihre Arbeit Berichte geschrieben aus denen hervor gehe, wie die gesellschaftliche Situation damals war oder welche Krankheiten sie behandelt haben. Sie haben wichtige gesundheitliche, soziale und seelsorgerliche Aufgaben gehabt. „Für mich und auch die Wissenschaft ist alles interessant, was Auskunft über die kulturgeschichtliche Rolle oder auch die innere Struktur des Diakonissenhauses gibt“, erklärt der Archivar. Deswegen gebe es auch eine Akte von jeder Schwester, in der Informationen zu ihren Aufgabenfelder im Diakonissenhaus zu finden sind.

Insgesamt gibt es 1240 Schwesternakten, 400 verzeichnete Akten aus dem Landeskirchlichen Archiv, 1000 nichtverzeichnete Akten aus dem Landeskirchlichen Archiv sowie 600 weitere bearbeitete Akten.

Unter den Sachen auf dem Dachboden befand sich z.B. ein Gästebuch zur „Krippe zu Kassel“. Dort sind die Namen und Unterschriften sämtlicher Spender und Besucher zwischen 1900 und 1925 verzeichnet. „ Sogar die Unterschrift der Kaiserin Auguste Viktoria von 1906“, bemerkt Dr. Jenner. Bemerkenswert seien auch die von einer Schwester handgemalten Schmuckblätter aller zum Diakonissenhaus gehörenden Einrichtungen, die zum 25-jährigen Jubiläum 1889 angefertigt wurden. Auch wenn diese Fundstücke wissenschaftlich nicht interessieren, werden sie dennoch aufbewahrt.

„Sehr gut für Historiker sind v.a. die vollständige Liste aller Schwestern, Notizen über die Lazarettarbeit im Krieg 1870 und 1871, über die Einschränkungen während des Ersten Weltkriegs, die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus oder die Aufzeichnungen über das Leben mit Bombenopfern und Flüchtlingen im bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg“, weiß Jenner.
Ein weiterer faszinierender Fund sind z.B. Notizbücher aus diversen Kindergärten, in die über hundert Jahre hinweg (von 1880 bis 1980) immer wieder handschriftlich Berichte zu den jeweiligen Ereignissen festgehalten wurden.

Wer Dr. Jenner und sein Team im Mutterhaus fröhlich arbeitend erlebt, schmeißt jedes Vorurteil über staubige Archivare über Bord. „Ich bin mit Leib und Seele Archivar und Historiker und hatte nie einen anderen Berufswunsch“, strahlt Jenner, der auch Kirchengeschichte studiert hat und blättert wieder weiter begeistert in alten Dokumenten.